For an article that appeared on 9 March 2026 in MiGAZIN (and quoted elsewhere), Marco Hadem (MH) interviewed me via email. The full article (in Russian) is available online—https://www.migazin.de/2026/03/09/suendenfall-bayern-kommunalwahl-die-brandmauer-broeckelt-vor-ort/—but below I share the questions that Marco posed and the answers I provided (in German first, and then translated to English).
Deutsch
MH: Lassen sich die Stimmzuwächse für extreme Parteien/Kandidaten bei den aktuellen Wahlen auch auf kommunaler Ebene noch mit Protest erklären? Oder warum wählen Menschen extrem und nicht mehr die Mitte?
MZ: Dies ist eine komplexe Frage, aber ich werde versuchen, mich kurz zu fassen. ‘Protest’ allein erklärt nicht die Wahl extremistischer Parteien. Vielmehr wirken mehrere Veränderungen und Entwicklungen zusammen. Zunächst einmal vollzieht sich auf der untersten Ebene in ganz Europa seit Jahrzehnten ein Wandel hinsichtlich der grundlegenden „Spaltungen“ (Cleavages), die den politischen Sympathien zugrunde liegen. Früher waren Klassenzugehörigkeit, Religionszugehörigkeit und Wohnort verlässliche Indikatoren für politische Einstellungen. Heute bestimmt eine komplexere Zusammensetzung von „Werten” (,die durch Projekte wie die European Values Survey und die World Values Survey erfolgreich untersucht wurden) die politischen Einstellungen. Zweitens war diese Entwicklung in den letzten zwei Jahrzehnten von einer Reihe von Krisen geprägt (von einigen Wissenschaftlern als „Polykrise“ bezeichnet): Terrorismus und Krieg im Nahen Osten, Finanzkrisen, Flüchtlings-/Migrationsströme und die COVID-19-Pandemie. Diese beiden Faktoren haben die gegenläufigen Kräfte der „Dealignment“ oder Abnehmende Parteienbindung (Schwächung der Bindung zwischen Wählern und Parteien) und ‘Realignment’ oder „Wählerrealignment“, (Wähler wechseln dauerhaft und strukturell ihre Parteizugehörigkeit) verstärkt. Von diesem Prozess haben neuere Parteien wie Die Grünen und die AfD profitiert, während Parteien wie CDU/CSU und SPD Verluste hinnehmen mussten. Bislang haben sich einige der von diesen Parteien angewandten Gegenstrategien – insbesondere die Annäherung an einige rhetorische und politische Positionen der AfD zur Einwanderung – als kontraproduktiv erwiesen.
MH: Sind die Menschen demokratiemüde?
MZ: Nein. Umfragen in Deutschland zeigen immer wieder eine hohe Zustimmung zur Demokratie (oft 80 Prozent oder mehr) und, dass auch liberale Normen wie der Schutz von Minderheiten und Institutionen, die eine multikulturelle Gesellschaft fördern, viel Anklang finden. Dennoch gibt es unterschwellige Unzufriedenheit. Die staatlichen Sozialleistungen sind in manchen Bereichen knapp, und das schwache Wirtschaftswachstum hat weitere Kürzungen der Regierung nach sich gezogen. Dies führt zu einem Teufelskreis, der eine Minderheit der Bevölkerung dazu veranlasst, autoritäre Politik zu unterstützen, was wiederum zu Lasten der demokratischen Debatte und Kompromissbereitschaft geht. Eine mögliche Lösung für dieses Dilemma könnte darin bestehen, mehr Formen der Bürgerbeteiligung zu integrieren, um dem Eindruck entgegenzuwirken, dass Politik oft zu technokratisch und elitär ist.
MH: Inhaltlich haben die extremen Parteien gerade auf kommunalpolitischer Ebene ja gar keine echten Angebote, Alleinstellungsmerkmale und Konzepte, mit denen sich ihre Wahl erklären lässt. Sind den Wählern der „Extremen“ Inhalte egal?
MZ: Nur wenige Wähler (unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit) sprechen über bestimmte politische Punkte, wenn sie ihre Wahlentscheidung begründen. Stattdessen haben die meisten Wähler ein oder höchstens wenige Themen, die für sie besonders wichtig sind („salient“), und neigen dazu, sich der Partei anzuschließen, deren Rhetorik (scheinbar) mit ihren Ansichten übereinstimmt. Dies ist die „Nachfrageseite“ der Wahlpolitik. Der andere Teil, die „Angebotsseite”, bezieht sich auf die Rolle der Kommunikation der Parteien und darauf, wo sie “issue ownership” erlangen können: Unterstützung für ihre Standpunkte, die über ihre allgemeine Wählerunterstützung hinausgeht. Die AfD spricht am häufigsten über einwanderungsfeindliche Positionen, und da es eine weit verbreitete Unzufriedenheit über Einwanderungsfragen gibt (teilweise aufgrund der Rhetorik der AfD), ist es der Partei gelungen, sich hier eine gewisse “issue ownership” zu sichern. Versuche anderer Parteien, die AfD durch ähnliche Rhetorik und Positionen zu untergraben, sind in der Regel erfolglos.
Gleichzeitig unterscheidet sich die Parteipolitik in der deutschen Kommunalpolitik von der in den Landtagen und im Bundestag. Auf lokaler Ebene ist es schwieriger, extremistische Parteien auszuschließen, weshalb in vielen Kreistagen Risse in der Brandmauer entstanden sind (z. B. https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2025/v25-501.pdf). So können lokale AfD-Politiker in einigen Fällen behaupten, zur lokalen Politikgestaltung beizutragen. Dies hilft der Partei, politische Legitimität zu erlangen. Auf diese Weise hat die Lokalpolitik große Bedeutung für die Zukunftsaussichten der AfD.
MH: Bei Kommunalwahlen geht es ja oft um Personenwahlen, also weniger die Parteizugehörigkeit ist bsiweilen entscheidend als der persönliche Kontakt/Eindruck eines Bewerbers. Die AfD ist aber etwa im Wahlkampf – anders als die Linke bspw. – anonym unterwegs, es gibt kaum (?) Plakate mit Bildern von Kandidaten. Warum kann sie sich das erlauben?
MZ: Ich denke, diese Frage basiert auf einigen falschen Annahmen. Einerseits spielen Parteizugehörigkeiten auch in der Lokalpolitik eine Rolle. Wenn Wähler keine Gelegenheit hatten, mit Kandidaten in Kontakt zu treten, ist manchmal ihre einzige Informationsquelle die Parteizugehörigkeit (und der angegebene Beruf) eines Kandidaten. Zum anderen zeigen einige AfD-Plakate Bilder von Kandidaten, und AfD-Politiker betreiben Informationsstände und suchen den direkten Kontakt zu Wählern. Auch diese Partei betreibt also persönlichen Austausch im Kommunalwahlkampf.
MH: Kommunalpolitik, oder besser gesagt deren Folgen, sind für die Menschen in ihrer direkten Nachbarschaft, im Alltag spürbar. Wenn hier mehr Kandidaten von extremen Parteien erfolgreich sind und damit in Stadträten, Kreistagen etc. Politik machen sollen, besagt das was über die Sehnsüchte der Menschen aus, die sie wählen?
MZ: Nicht unbedingt. Menschen sind viel komplexer als die Partei, für die sie stimmen. Der große englische Lexikograf Samuel Johnson schrieb einen berühmten Zweizeiler: “How small, of all that human hearts endure, / That part which laws or kings can cause or cure”, was bedeutet, dass Staat, Recht und Politik nur einen kleinen Teil des Lebens der meisten Menschen ausmachen. Heute haben wir mehr mit diesen Kräften zu tun als im 18. Jahrhundert – aber die Botschaft von Johnsons Aphorismus bleibt wahr.
MH: Die CSU behauptet immer, dass die AfD auf absehbare Zeit keine Führungsposten auf kommunaler Ebene erhalten wird, also OB oder Landräte. Halten Sie das für realistisch oder naiv?
MZ: Wie bereits erwähnt, ist die Aufrechterhaltung der Brandmauer in der Kommunalpolitik in mancher Hinsicht schwieriger als auf höheren politischen Ebenen. Meine Kollegen haben Fälle lokaler Zusammenarbeit mit der AfD an mehreren Orten dokumentiert (https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2025/v25-501.pdf). Dennoch haben sich die Vorsitzenden von CDU und CSU im vergangenen Jahr wiederholt für den Ausschluss von AfD-Politikern aus lokalen Führungspositionen ausgesprochen. Es mag Situationen geben, in denen die CSU diesen Ausschluss nicht durchsetzen kann – doch das beständige Signal, im Einklang mit anderen demokratischen Parteien, dass die AfD illegitim und für hohe Ämter inakzeptabel ist, ist in vielerlei Hinsicht wichtiger.
MH: Wie bewerten Sie die Festlegungen zur Brandmauer zur AfD – ist die auf kommunaler Ebene überhaupt durchzuhalten? Oder bröckelt da was im kommunalen, was perspektivisch auch die AfD auf Landes- und Bundesebene salonfähiger macht?
MZ: Die Brandmauer hat in den letzten Jahren auf lokaler Ebene Risse gezeigt. Dieser lokale Druck hat mitunter auch die nationale Politik beeinflusst; so befürworten beispielsweise einige CDU-Politiker eine Kooperation mit der AfD. Allerdings scheint die Zusammenarbeit mit der AfD zunehmend unter die Lupe genommen zu werden, was die Brandmauer stärken könnte. Auf jeden Fall scheinen sich die Spitzenpolitiker der demokratischen Parteien in nächster Zeit einig zu sein, eine Zusammenarbeit mit der AfD abzulehnen.
English
MH: Can the increase in votes for extremist parties/candidates in the current elections, even at the local level, still be explained by protest? Or why are people voting for extremist parties and no longer for the centre?
MZ: This is a complex question, but I will try to be brief. Protest is indeed not a sufficient explanation for votes for extremist parties. Instead, several shifts and climacterics are at work. First, at the most foundational level, politics across Europe is undergoing a decades long shift in the fundamental ‘cleavages’ that underlie political sympathies. In the past, class affiliation, religious denomination, and where one lives were reliable predictors of political attitudes. Today, a more complex composition of ‘values’ (helpfully traced by projects like the European Values Survey and World Values Survey) drives political attitudes. Second, this development has been marked over the past two decades by a series of crises (what some scholars have called ‘polycrisis’): terrorism and war in the middle east, financial collapses, refugee/migrant flows, and the COVID-19 pandemic. These two factors have spurred on the dual forces of ‘dealignment’ (weakening connection between voters and parties) and ‘realignment’ (voters shifting allegiances from one party to another in a durable, structural way). These process have benefitted newer parties like Die Grünen and the AfD, to the cost of parties like CDU/CSU and SPD. Thus far, several of the counter-strategies employed by these parties–especially moving closer to some of the AfD’s rhetorical and policy stances on immigration–have proved counter-productive.
MH: Are people tired of democracy?
MZ: No. Survey studies conducted in Germany repeatedly find high levels (often 80 per cent or more) of support for democracy, as well as broad support for liberal norms, including minority protections and institutions to support a multi-cultural society. However, there are undercurrents of dissatisfaction. State welfare provisions are stretched thin and sluggish economic growth has prompted more government cuts. This becomes a vicious circle–one which drives a minority of people to support decisive state action at the expense of democratic deliberation and compromise. A possible solution to this dilemma may be incorporating more forms of citizen participation, a salve to the belief that politics is often too technocratic and elitist.
MH: In terms of content, the extremist parties, especially at the local political level, have no real proposals, unique selling points, or concepts that could explain their election. Do voters of the “extremists” simply not care about substance?
MZ: Few voters (for any party) speak about specific points of policy when explaining their electoral choices. Instead, most voters have one or at most a few issues that are quite important to them (‘salient’) and tend to be drawn to the party whose rhetoric (seemingly) aligns with their views. This is the ‘demand side’ of electoral politics. The other part, ‘supply side’, refers to the role of how parties communicate and where they are able to gain ‘issue ownership’: support for their stances that exceed their overall electoral support. The AfD most often speaks about anti-immigration stances and, because there is some widespread grievance about immigration-related matters (partially driven by AfD rhetoric), the party has succeeded in gaining some issue ownership there. Attempts by other parties to undermine the AfD by adopting similar rhetoric and positions are usually unsuccessful.
At the same time, partisanship in German local politics is different than in Landtage and Bundestag. It is more difficult to exclude extremist parties at local levels, which is why cracks in the Brandmauer have appeared in many Kreistagen (e.g., https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2025/v25-501.pdf). So local AfD politicians can claim in some instances to contribute to local policy making. This helps the party to gain political legitimacy. In this way, local politics has great significance for the prospects of the AfD.
MH: Local elections are often about personalities, meaning that party affiliation is sometimes less important than the personal contact or impression a candidate makes. However, the AfD, unlike the LINKE party, for example, campaigns anonymously; there are hardly any posters with pictures of candidates. Why can they get away with this?
MZ: I think there are a couple false premises in this question. On the one hand, even in local politics party affiliations matter. When voters have not had a chance to interact with candidates, sometimes their only source of information is a candidates party affiliation (and listed profession). On the other hand, some AfD placards show pictures of candidates and AfD politicians do set up Informationsstände and interact with voters, so this party also engages in the personal exchanges of local electioneering.
MH: Local politics, or rather its consequences, are felt by people in their immediate neighborhoods, in their everyday lives. If more candidates from extremist parties are successful and thus end up in city councils, district councils, etc., what does that say about the aspirations of the people who elect them?
MZ: Not necessarily. People are much more complicated than the party that they vote for. The great English lexicographer Samuel Johnson penned a famous couplet: “How small, of all that human hearts endure, / That part which laws or kings can cause or cure”, meaning that state, law, and politics is only a small part of the lives of most people. Today, we are interact with those forces more than in the 18th century–but the essence of Johnson aphorism remains true.
MH: The CSU consistently claims that the AfD will not receive any leadership positions at the local level in the foreseeable future, such as mayors or district administrators. Do you consider this realistic or naive?
MZ: As I mentioned already, maintaining the Brandmauer in local politics is in some ways harder than at higher political levels. My colleagues have traced the instances of local cooperation with the AfD in several places (https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2025/v25-501.pdf). Yet, over the past year, CDU and CSU leaders have consistently spoken about excluding AfD politicians from local leadership positions. Situations may arise when the CSU cannot enforce this exclusion–but the consistent signal, in agreement with other democratic parties, that the AfD is illegitimate and unacceptable for high office is in many ways more important.
MH: How do you assess the measures taken to block the AfD – is it even sustainable at the local level? Or is something crumbling at the local level, which in the long run could also make the AfD more acceptable at the state and federal levels?
MZ: The Brandmauer has shown cracks at the local level in recent years. These local pressures have sometimes influenced national politics, for example, with some CDU politicians supporting cooperation with the AfD. However, it seems there is growing scrutiny of instances of cooperation with the AfD, which might help reinforce the Brandmauer. In any case for the foreseeable future, it seems that leaders of the democratic parties are united in rejecting collaboration with the AfD.
Originally published by MiGAZIN: https://www.migazin.de/2026/03/09/suendenfall-bayern-kommunalwahl-die-brandmauer-broeckelt-vor-ort/